Kurze Geschichte über Linke und AnarchistInnen (March 2007)

Ausgehend vom Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe soll die Serie Café Cosmopolitan in diesem und den folgenden Heften die Frage nach der Linken außerhalb Deutschlands stellen. Das Augenmerk liegt dabei auf den Feldern, die hierzulande als Domäne der antideutschen Linken angesehen werden: das Verhältnis zu Nation und nationaler Geschichte, die Kritik an der Bevölkerung des eigenen Landes und den auch außerhalb Deutschlands verbreiteten Verfallsformen der Kapitalismuskritik – Antiamerikanismus und Antisemitismus. Dabei geht es neben der Beschreibung der Zustände auch um die Analysen der Ursachen der vorgefundenen Phänomene und Entwicklungen. Den Auftakt der Reihe bildet der folgende Text der griechischen Gruppe Terminal 119.

Jede Linke hat wohl ihre eigene Geschichte. Auch die Eigenheiten der griechischen globalisierungsbewegten (radikalen) Linken, die wir im Folgenden nachzuzeichnen versuchen, erscheinen nur in einem historischen Kontext plausibel.

Die KommunistInnen

Dem allgemeinen geschichtlichen Gedächtnis folgend geht man davon aus, dass, falls es im griechischen Raum jemals eine Zeit gab, zu der die Linke das Zepter hätte übernehmen können, dies in den zwanziger und dreißiger Jahren gewesen ist. Während die offizielle Politik durch einen Antagonismus von Armee, König, fremden Großmächten und aufsteigenden Politikern bestimmt wurde, gab es zugleich eine unglaubliche Anzahl von sozialistischen Aktivitäten (Streiks, Syndikate, Neugründungen von Organisationen und Parteien), die von einer sehr breiten gesellschaftlichen Gruppe getragen wurden. 1920 waren in der erst kurz zuvor »befreiten«, also von Griechenland eingegliederten, Stadt Thessaloniki 80 Prozent der ArbeiterInnen (davon 60 Prozent Frauen jüdischer Herkunft) in Syndikaten aktiv und nahmen an verschiedenen Mobilisierungen teil. In jenen Jahren gab es zum ersten und außerdem einzigen Mal einen Präsidenten sozialistischer Prägung (Papanastasiou), der jedoch nicht in Verbindung mit Russland stand.
Durch den Versuch der Hellenisierung der erst kurz zuvor vom neugeschaffenen griechischen Staat annektierten Gebiete bzw. des Zusammenschweißens der Nation und des antikommunistischen Feldzuges, den der Held der Balkankriege und zukünftige Ministerpräsident E. Venizelos einleitete, wurde ein großer Teil der Linken direkt oder indirekt in die Illegalität getrieben. Die Kämpfe der ArbeiterInnen wurden gewaltsam unterdrückt, die ArbeiterInnen selbst im Krieg gegen die Türkei und verschiedene Balkanländer für nationalistische Ziele geopfert.

Die Linke blieb somit von 1936 bis 1974 illegal (von der faschistischen Metaxas-Diktatur 1936–41, über die Jahre der Besatzung von 1941 bis zum Oktober 1944 und des anschließenden Bürgerkrieges 1946–49 sowie in den Wirren der Nachbürgerkriegszeit, die sich durch besondere Brutalität bei der Hetze auf KommunistInnen auszeichnete, und schließlich während der Militärdiktatur in Griechenland, der Junta 1967–74). Entscheidend waren dabei vor allem die Jahre des Bürgerkrieges, der eigentlich schon während der Besatzungszeit der Nazis begann, offiziell aber von 1946 bis 1949 anhielt. In dieser Zeit gruppierten sich die KommunistInnen ausschließlich um die kommunistische Partei KKE, die vollkommen unter der Kontrolle Moskaus stand und nicht nur zum Ziel hatte, die Regierungsarmee zu bekämpfen, sondern auch alle linken AbweichlerInnen (TrotzkistInnen wie AnarchistInnen) und innerparteilichen Oppositionellen zum Feind erklärte und aus dem Weg räumte. Somit blieb als einzige »Linke« die KKE übrig, mit der sie heute immer noch identifiziert wird. Bis in die Gegenwart besteht mindestens die Hälfte aller »Linken« aus Abspaltungen der KKE. Die KKE richtet sich an die untersten gesellschaftlichen Schichten und agitiert dabei auf ökonomischer wie nationalistischer Ebene. Ausgehend von einer Analyse, die besagt, dass die griechische Regierung, wenngleich auch selbst schuld, lediglich im Schlepptau der USA agiere, besteht ihre Rhetorik heutzutage hauptsächlich aus Antiamerikanismus. Der heutige Antiamerikanismus bezieht sich insofern auch nicht auf etwaige historische Wurzeln (wie z.B. die direkte antikommunistische Agitation der US-Regierung gegen Ende des Bürgerkrieges und ihre offene Unterstützung der Militärdiktatur), sondern spielt vielmehr seine Rolle bei der Erzeugung nationaler Eintracht und gemeinsamer Feindbestimmung (Parolen werden demnach gegen den »Imperialismus im Irak und Palästina« skandiert).

Die KKE verkündet außerdem noch immer, dass Gorbatschow 1989 in der Sowjetunion die Revolution verraten habe. Bezüglich der »Nationalen Themen« – wie z.B. der Mazedonien-Krise 1991 oder der Imion-Krise 1996(1) – unterstützt die KKE eindeutig die nationalistisch-völkische Seite und nimmt antimazedonische bzw. antitürkische Positionen ein. Die »Mazedonien-Krise« war dabei nichts anderes als die nationalistische Weigerung der GriechInnen, einen Staat namens »Mazedonien« zu akzeptieren. »Mazedonien« sei schließlich griechisch und wenn der exjugoslawische Staat sich so nennen wolle, dann könne er sich gleich auflösen und dem griechischen angliedern. Ansonsten habe er gefälligst einen anderen Namen zu wählen, nämlich FYROM (Former Yugoslawien Republic Of Macedonia), wie Mazedonien bis heute offiziell heißt. Für diese nationalistische Forderung demonstrierten 1991 über 100.000 Menschen auf den Strassen Thessalonikis. Heutzutage kommt die KKE bei den Nationalwahlen auf fünf bis sechs Prozent, bei den Europawahlen auf acht.

Die SozialistInnen und die kommunistische Linke.

Während der Diktatur der Generäle von 1967 bis 1974 gründete sich die Gesamtgriechische Kämpferische Bewegung (PAK) mit einer sozialistischen Ausrichtung, die den »dritten Weg« propagierte, also die Unabhängigkeit von der Sowjetunion und den USA. Außerdem forderte sie den Austritt Griechenlands aus Nato und EWG. Politisch beeinflusst ist sie vom Widerstand gegen die Junta in Chile, der polnischen Solidarnoísc und der jugoslawischen Tradition der Arbeiterselbstverwaltung. Der Anführer der PAK und späterer Ministerpräsident Papandreou war ein persönlicher Freund Arafats und Gaddafis und dementsprechend wurde er nicht müde, sein besonderes Interesse an dem »Problem« der PalästinenserInnen zu betonen. Die griechische Ausgabe von Wikipedia schreibt in dem ihm gewidmeten Artikel: „Äußerst gute Beziehungen unterhielt Andreas Papandreou im allgemeinen mit der arabischen Welt. Er plädierte für einen unabhängigen palästinensischen Staat und unterhielt enge Freundschaften mit dem palästinensischen Anführer J. Arafat und Gaddafi. Aufgrund dieser besonderen freundschaftlichen Beziehungen wurde er von westlichen Kreisen angeklagt, den internationalen Terrorismus zu unterstützen, besonders nachdem er zugab, dass das Libyen Gaddafis den Terroranschlag von Lockerbie unterstützte. Im Jahr 1982, nach dem Einmarsch Israels in den Libanon, reiste Arafat nach Athen, um Griechenland für seine Position gegen Israel zu danken. Die Regierung Papandreou trug entscheidend […] zum Transfer bewaffneter PLO-Kämpfer aus dem Libanon nach Tunesien bei«.
Die PAK wurde mit dem Fall dem Diktatur legal und nennt sich heute PASOK (Gesamtgriechische Sozialistische Bewegung). Die PASOK war Regierungspartei von 1981 bis 1988 und 1993 bis 2004. Sie verweigerte während ihrer achtjährigen Regierungsperiode von 1981 an offizielle diplomatische Beziehungen mit Israel.
(2) Mit Arafat aber unterhielten sie ganz besondere Beziehungen und erklärten ihn zum außerordentlichen Parteifreund, der zu jedem Parteikongress als Redner eingeladen wurde und den griechischen SozialistInnen auch die Freude machte, sie mit seiner Anwesenheit zu beehren.

Die PASOK richtete für den Zeitraum ihrer ersten Regierungsperiode einen – zwar unvollkommenen – Sozialstaat ein, der aber trotzdem für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgte, in dem andere soziale Bewegungen vereinnahmt oder marginalisiert und illegalisiert wurden. Die »linken« Einflüsse befinden sich in der Partei inzwischen auf Nullniveau.
Eine weitere wichtige Organisation ist die Synaspismos. Die Synaspismos ist die frühere KKE esoterikou, die »inländische« KKE, die sich 1989 von der KKE abgespalten hatte und sich dadurch auszeichnete, keinerlei Verbindung zu Moskau zu unterhalten. Sie erlebte einen bemerkenswerten Aufschwung mit der Anti-Globalisierungsbewegung (und zog 1993, zwei Jahre nach der Parteigründung, prompt mit drei Prozent ins Parlament ein). In Zusammenarbeit mit anderen kommunistischen Splittergruppen richtete sie das Sozialforum in Thessaloniki aus, die Gelegenheit nutzend, ihren traditionellen Marxismus-Leninismus (beruhend auf Marx, Lenin, Trotzki und Gramsci) zur Schau zu stellen, der mit ein paar HeldInnen der Antiglobalisierungsbewegung, die sich besonders großer Beachtung erfreuen (etwa Noam Chomsky, Antonio Negri und B. Shiva Rao), aufgestockt wird.

Die AnarchistInnen

Dass es in Griechenland keinen Mai 68 gab war sicherlich ein entscheidender Faktor, der den Weg der AnarchistInnen bestimmte. Entsprechende Einflüsse drangen erst nach dem Ende der Junta mit siebenjähriger Verspätung ein. Die Kritik am Marxismus und an der UdSSR war alles andere als selbstverständlich und so gibt es bis heute gar keine KommunistenInnen, die zumindest im Nachhinein ihre Partei für deren Missetaten kritisieren würde. So werden die Gräueltaten der kommunistischen OPLA, der Organisation zum Schutze des Volkskampfs, bis heute von KommunistInnen weder aufgearbeitet noch erwähnt. Es ist sogar unbekannt, wie viele Menschen, nachdem sie zum Feind der KommunistInnen erklärt wurden, ihr Leben lassen mussten. Die AnarchistInnen bildeten die ersten kritischen Stimmen gegen die traditionelle Linke in Griechenland, wobei ihre Abgrenzung zur Linken auch eine Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensumständen betraf, die zuvor nie Erwähnung gefunden hatten. Ab 1975 gründeten sich verschiedene anarchistische Gruppen, die zu Beginn hauptsächlich von aus dem Ausland (Italien und Frankreich) zurückkehrenden StudentInnen gestützt wurden.

Aus Italien übernahm man den Begriff der »Autonomie« in seiner weiteren Bedeutung, der sowohl die Idee der Unabhängigkeit von Parteien und anderen staatlichen Organisationen, als auch die Gründung von Gruppen des bewaffneten Kampfes zum Vorbild hatte. Die Roten Brigaden Italiens nahmen dabei eine besondere Rolle ein, da sie die weitverbreitete Vorstellung der Linken verstärkten, sich kurz »vor den Toren der Revolution« zu befinden.
Aus Frankreich hingegen kamen Einflüsse der Situationistischen Internationale, konkret die »Kritik der Kultur« und das »Erschaffen von Situationen gegen die bürgerliche Klasse« mit nihilistischer Nuance. Diese Tendenz entwickelte sich aber nicht zu einer bestimmten politischen Richtung, noch schufen die beteiligten AktivistInnen Organisationen oder andere Strukturen. Ihre Aktivitäten beschränkten sich auf Happenings, offen ausgetragene Konflikte mit der Polizei, Besetzungen und selbstverwaltete Zentren an Universitäten. Analytische Begriffe der SituationistInnen wurden in griechische Verhältnisse »übersetzt«, wobei etwa das »Spektakel« mit Fernsehen und Massenmedien identifiziert wurde, weswegen unter anderem sich bis heute eine fanatische Position gegen Massenmedien hält.(3) Genauso beharrlich hält sich die Weigerung der AnarchistInnen sich selbst als »links« zu bezeichnen. »Links« ist ein Schimpfwort, weil es alles bezeichnet, was »reformistischen Tendenzen« nachgeht. AnarchistInnen identifizieren sich mit dem Ungehorsamen, dem Unregierbaren, dem Ununterwerfbaren, dem Gruppencode der »wilden Jugend« (»agria neolaia«), einem abstrakten Subjekt, das sich hinreißen lässt und andere Gesellschaftsgruppen mitreißt. Diese Vorstellung lässt sich wahrscheinlich nur verstehen, wenn man sich vor Augen hält, dass viele AnarchistInnen bis heute von der Imagination des Massenaufstandes geleitet werden, der durch verschiedene um sich greifende Ausschreitungen vorangetrieben werden soll. Demnach reicht es aus, ständig mit dem Staat (also der Polizei) zusammenzurasseln, um sich bereits auf dem Weg in Richtung »Befreiung« zu befinden.

Ein weiteres wichtiges Element der Politik der griechischen AnarchistInnen ist ihre Staatsfeindlichkeit. Trotz des Körnchens Wahrheit, auf dem sie fußt, ist diese Analyse nie besonders tiefgründig geworden. Auf Basis der theoretischen Tradition Bakunins glauben die AnarchistInnen an einen vollkommenen Gegensatz von Staat und Gesellschaft, wobei der Staat als eine der Gesellschaft vollkommen äußerliche, von ihr abgetrennte Institution erscheint. Der Staat ist und bleibt Feind, gleichzeitig gibt es aber keine weiter führende kritische Aufarbeitung des Begriffs »Volk« (abgesehen von sehr wenigen, erst in jüngster Zeit in der Szene auftauchenden Stimmen). Im offenen Widerspruch bleibt deshalb auch die Auffassung »Gesellschaft ist Scheiße« mit anderen vertretenen Positionen, wie die Gesellschaft ließe sich im Allgemeinen ja nicht anklagen. Die Tatsache, dass es in Griechenland (bis auf die Jahre 81–85, in denen PASOK regierte) nie einen ansatzweise funktionierenden Sozialstaat gab, verstärkte natürlich den Eindruck, dass der Staat ausschließlich ein Repressionsorgan ist, während andere Analysen und Ansätze, wie etwa Poulantzas Theorien, dass dem staatlichen Mechanismus gesellschaftliche Verhältnisse eingeschrieben sind, nicht aufgenommen wurden. Hauptbeschäftigung der AnarchistInnen blieb somit die »Solidarität mit den Geiseln des Staates« (also den Inhaftierten).

Anfangs standen die AnarchistInnen – bis auf wenige Ausnahmen(4) – den Linken bezüglich ihres Antiamerikanismus und Antiimperialismus in nichts nach. Die bewusste Distanzierung von KKE und PASOK führte später jedoch zu einer Kritik an der klassischen antiimperialistischen Logik. Das führte auch zu einer Kritik an den bewaffneten Gruppen (wie dem 17. November), die diese verbreiteten. Andererseits zeigt sich die Anarchistische Szene in ihrer Mehrheit solidarisch mit Häftlingen des 17. November, und zwar »nicht aufgrund ihrer Taten, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie mithilfe der neuen Antiterrorgesetze im Gefängnis sind«. (Die Gruppe 17. November benannte sich nach den Ereignissen im Polytechnio – das heißt der Universität in Athen – am 17. November 1973, als ein StudentInnenaufstand blutig niedergeschlagen wurde. Als »Widerstandsgruppe« marxistisch-leninistischer Ausprägung geizte sie nicht mit patriotischen Ansichten. Bevorzugte Ziele ihrer terroristischen Anschläge waren: jegliche amerikanische Präsenz in Griechenland – z.B. der erfolglose Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Athen 1997, türkisches Militär in Griechenland und bedeutende griechische Wirtschaftsunternehmer. Seit 2002 sitzen die meisten Mitglieder Haftstrafen ab.)

Das Positive der Anfänge einer Kritik war sicherlich, dass sich einige AnarchistInnen von den nationalen Befreiungsbewegungen abwandten, an denen sie die »Verteidigung der Selbstbestimmung des Volkes« ablehnten, die manche Linke schon im Werk von Marx verwurzelt sehen (dass auch diesem fortschrittlichen Ansatz jedoch nicht weiter nachgegangen wurde, werden wir später sehen). Rückblickend kann man aber feststellen, wie problematisch der Begriff blieb, den sie sich von der »Herrschaft an sich« oder der »menschlichen Natur« machten. Dies zeigte sich auch in der Ablehnung und Verweigerung der aufkommenden Frauenbewegung gegenüber, die in der Szene keinen wirklichen Anklang finden konnte und ziemlich schnell von ihr isoliert wurde. Inzwischen erscheint es in Anbetracht der gegebenen Androkratie undenkbar, das es in den achtziger Jahren in Athen unzählige autonome Frauengruppen gab, die auch ihre eigene Zeitschrift herausgaben, poli ton gunaikon (Stadt der Frauen).(5)

Das analytische Unverständnis der Herrschaftsverhältnisse zeigte sich aber auch in ihren Diskursen vom Staat und Kapitalismus, deren Analyse weiterhin verkürzt blieb.

Dies änderte sich auch in den neunziger Jahren nicht, als die Mazedonien-Krise und die auf Basis der »griechisch-serbischen Freundschaft« nationalistisch gefärbte Antikriegsstimmung in den Massenmedien während des Jugoslawienkrieges zumindest zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Nationalismus führte und die veränderte Situation Griechenlands als Einwanderungsland mit einem explosiv anwachsendem Rassismus zur (sehr mangelhaften und verspäteten) Auseinandersetzung mit letzterem zwang.

Die einen demonstrieren gegen Globalisierung, die anderen gegen das »ganze System«

1999, während auch in Griechenland die ersten Töne vom Ende der Geschichte und der Auflösung der Unterscheidung zwischen rechts und links zu hören sind, finden die Ereignisse von Seattle begeisterte AnhängerInnen. Seattle und die Voraussicht auf eine Fortsetzung in Prag mobilisierten alle: die Linken sahen ihre Chance, sich zusammenzuraufen und zu zeigen, dass sie noch existieren, und die AnarchistInnen wollten sich mal wieder, diesmal international, gegen den Staat zusammenschließen. Es wurden die Ansichten über »das globale Dorf«, über das »Empire« (sicherlich das Bewegungsbuch schlechthin) und über die Bedeutungen der supranationalen Institutionen wie der EU usw. diskutiert.

Und während dies einerseits den positiven Nebeneffekt haben konnte, dass die eine oder der andere sich ein runderes Bild der Wirklichkeit zu machen versuchte, so hielt zugleich die Dämonisierung jener supranationalen Institutionen Einzug, die »außerhalb und weit weg« von Griechenland waren.
Außer der Anti-Globalisierung mit ihren immergleichen »Bösen«, Negri und den Ausschreitungen in Seattle, auf der anderen Seite des Ozeans, gab es auch andere Ereignisse, eher europäischer Beschaffenheit, die wichtige Einflüsse auf die griechische Szene ausübten. Denn genau zu jener Zeit wurde Griechenland in die europäische Währungsunion aufgenommen und die Umstellung auf den Euro führt zu einer Preiserhöhung fast aller Waren um 200 bis 300 Prozent. Seit 1996 hatten die Regierungen der PASOK versucht, eine gemeinsame europäische Geschichte (die so oder so vollkommen konstruiert war) und ein gemeinsames europäisches Bewusstsein herbeizupredigen. Diese Predigten wurden mit der Einführung des Euro konkreter.

Die Gegenüberstellung der Drachmen und des Euros vermittelten den Eindruck, dass Griechenland »mit seinen reinen, kulturellen Wurzeln« langsam von multinationalen Konzernen, dem Großkapital und dem ungezügelten Markt aufgefressen werde. Diese Vorstellung wurde von Linken, Massenmedien und staatlicherseits gleichermaßen geschürt. Das Thema »Euro« polarisierte so bald in jene, die die Vorzüge im Rahmen der EU genießen, und jene, die die »Überteuerung der Waren« und die »unsichtbaren Spekulanten« verfluchen. Die Linke, anstatt aufzuzeigen, dass das ökonomische Problem in kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnissen ein strukturelles ist, verstärkte ihr Geschwätz über die SpekulantInnen, die gefunden und bestraft werden sollen. Ungefähr zur gleichen Zeit sprach sich die Idee herum, an der Börse könnten auch Laien Geld verdienen. Nach kurzer Zeit unbekannter Blüte stürzte ein Börsencrash all jene, die versuchten erfolgreich zu »zocken«, in Schulden. Die Verschuldung bis über beide Ohren wurde zur neuen »Volkskrankheit«. Der Börsencrash tat der Vorstellung, dass man an der Börse aus Luft Geld macht, aber keinen Abbruch, vielmehr meinte man, andere seien schuld, dass man »falsch gezockt« habe. Bis heute werden einige Schuldige des sogenannten Börsenskandals gesucht, gegen die aufgrund »der Verbreitung falscher Informationen und der unrechtgemäßen Beeinflussung der Börsenteilnehmer« Anklage erhoben wurde.

Die griechische Gesellschaft befand sich demnach bereits in einer schwierigen ökonomischen Situation, die unanalysiert blieb, als sie auf die Ideen der Globalisierung und jene, der Bewegungen gegen sie, traf. G8, EU, die Weltbank, die Welthandelsorganisation und natürlich die Amerikaner stellten die neuen (und alten) Dämonen dar und mussten die Sündenbockrolle übernehmen. Die Unfähigkeit, der neuen ökonomischen Situation (wie kann eine Ware auf einmal den dreifachen Preis haben?) und den neuen ökonomischen Spielen (Börse) auf den Grund zu gehen, spielten eine entscheidende Rolle bei der Bildung des europäischen Bewusstseins griechischer Färbung. Dieses wiederum war mitentscheidend für den schnellen Wandel der griechischen Antiglobalisierungsbewegung zur Antikriegsbewegung Anfang 2003: Der Feind schien der gleiche zu sein, also hielten sich auch die gleichen Strukturen.

Obwohl der Minderwertigkeitskomplex dem »zivilisiertem« Frankreich und Deutschland gegenüber,(6) den ersten Kräften der EU, neue Formen annahm, da jene verantwortlich für den griechischen Eintritt in die europäische Währungsunion schienen, vollzieht sich in der nationalen imaginären Logik zugleich eine Stabilisierung des Verhältnisses zwischen »den Griechen und den anderen Nationen«. Den GriechInnen neues Selbstbewusstsein verschaffend blieben schließlich Albanien, Mazedonien und die Türkei von der EU ausgeschlossen.(7) Die jahrhundertlange Feindschaft mit den USA, von der Linken und den Massenmedien mit roher antiamerikanischer Propaganda unterstützt, trug letztendlich dazu bei, ein neues europäisches (antiamerikanisches) Bewusstsein zu schaffen. Der neue Gegensatz hieß somit USA und Good Old Europe, wobei Griechenland natürlich zu letzterem gehörte.

Im Rahmen dieser Imagination und der Vorstellung einer abnehmenden nationalen Bedeutung hat sich das griechische Kollektivbewusstsein hereingelegt gefühlt und die Linken haben ihre große Chance gesehen, ihrem Volk, das durch den Euro und den Börsencrash zum Verlierer wurde, zur Hilfe zu eilen.

Die griechische Antiglobalisierungsbewegung, die in Prag anrückte, gab dementsprechend ihre antiamerikanischen Parolen kund. Der »Widerstand« gegen die EU, mit ein paar Einflüssen der Tutti Bianci Italiens und von Attac aus Frankreich verziert, gab sich mit Forderungen nach der Tobinsteuer oder mit einer Unterschrift für die Vereinbarung über »weniger Ketten für Dritte-Welt-Länder« zufrieden. Die AnarchistInnen gingen nach Prag mit dem Anliegen, sich von der Linken zu unterscheiden. Die Distanzierung betraf sowohl die Ebene der Phrasendrescherei (auch wenn die AnarchistInnen unter sich keineswegs gleicher Meinung waren), als auch die Ebene der tatsächlichen, »symbolischen« Zusammenstöße. Gegen den sozialdemokratischen Slogan des Forums »eine andere Welt ist möglich«, setzte man den anarchistischen Slogan der vollkommenen Überwerfung mit Staat und Kapital. Während man sich also von jenen abgrenzte, die das System nur verbessern wollten, setzte man die Angriffe auf McDonald’s, Banken usw. fort, um zu zeigen, dass die einzige Identifizierung, zu der man in der Analyse vorgedrungen war, jene der Banken mit dem Kapitalismus ist.
Zu diesem Phänomen haben auch die Einflüsse des Italiens der Sozialen Zentren, der Postautonomie und des Post-Operaismus auf die griechischen AnarchistInnen mit beigetragen. Die Feindbildbestimmung jener politischen Ausrichtungen war ihrerseits auf bestimmte Ziele gerichtet, die das Kapital in einzelnen multinationale Konzernen und vorzugsweise amerikanischen Interessen identifizierte.

Während Prag, Genua und Thessaloniki (das letzte große Rendezvous der griechischen AnarchistInnen mit der Antiglobalisierungsbewegung) für die meisten AnarchistInnen noch die Gelegenheit hergaben, sich durch besonders gewaltsame Ausschreitungen hervorzutun, führte der fetischisierte Umgang mit der Gewalt in einigen wenigen Teilen der Szene zu Auseinandersetzungen, die kritischere Positionen oder (in noch weniger Fällen) das Abwenden von der Szene mit sich brachten.

Der Kontakt mit anderen Teilen der europäischen Globalisierungsbewegung hat dabei bis dato unbekannte oder wenig Beachtung findende Themen zum Vorschein gebracht (Geschlechterverhältnisse, Ökologie, Migration etc.) und somit schon vorhandene Differenzen innerhalb der Szene verstärkt, die zu Spaltungen führten, aber auch neue Tendenzen hervorbrachten (z.B. Arbeitermarxismus im Stil von Wildcat). Gleichzeitig jedoch stellte der Kontakt mit den europäischen Autonomen auch eine willkommene Gelegenheit dar, das Lieblingsthema der griechischen Linken, nämlich »die PalästinenserInnen« und ihre territorialen und sonstigen Probleme, wieder in die Agenda mit aufzunehmen. Der antilinke Instinkt hält zwar die meisten AnarchistInnen noch davon ab, offene Solidarität mit Hamas, Hisbollah u.ä. zu zeigen. Aber auch hierbei sind leider Ausnahmen zu erwähnen, wie eine anarchistische Gruppe in Thessaloniki, Antiexousiastiki Kinisi (AK), die am 27. Januar 2007, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz und dem Holocaustgedenktag in Griechenland, einen Tag der »Solidarität mit dem palästinensischen Volk« veranstalteten und wo munter für die palästinensische Intifada demonstriert wurde. Auch in Athen sind im Laufe der letzten Jahre immer wieder anarchistische Gruppen aufgetaucht, die den Djihad für ihre Sache hielten und dementsprechende Propaganda verteilten. Einzelpersonen nahmen die Sache besonders ernst und sind im Sommer gleich ganz aufopferungsvoll in den Libanon geflogen, um dort an einem Treffen mit der Hisbollah teilzunehmen. Zudem strotzt die
Argumentationsfolge gegen den Staat Israel vor Antisemitismus, der jenem der Linken in nichts nach steht. Das ewige Feindbild der AnarchistInnen und die dementsprechenden Analysen werden auch durch weltpolitische Ereignisse, die alle Alarmglocken längst zum Läuten hätten bringen müssen, nicht verändert. Denn wo es in der Analyse keinen Antisemitismus gibt, kann auch seine globale Zunahme keine immer größere Gefahr darstellen.
Die Linken in Eintracht mit anderen Proletariervereinen wiederum leben ihren Antisemitismus noch offener aus. Gerne wird hierbei die »Gnade der antifaschistischen Geburt« zitiert: die GriechInnen, selbst Opfer des deutschen Faschismus, könntenja gar nicht antisemitisch sein, sondern seien die »AntifaschistInnen an sich« und müsstensich deshalb auch mit den Opfern (»den PalästinenserInnen«) des »heutigen Faschismus« (nämlich dem der Israelis) solidarisieren. Dieser Logik folgend schändeten sie im Sommer 2006 das Holocaustmahnmal in Thessaloniki, um »gegen den Krieg im Libanon zu demonstrieren« und reagierten auf den darauffolgenden Protest der jüdischen Gemeinde mit wüstesten Beschimpfungen.(8) Stimmen gegen jene Tat und den antisemitischen Wahn an sich lassen sich erschreckend wenige vernehmen und finden sich allein auf weiter Flur.(9)
Somit führt das heutige pseudorevolutionäre Gedächtnis, das nicht erkennt, in welche Art von Krieg es sich hineinverstrickt hat, zum Einstampfen des gesamthistorischen Gedächtnisses und dadurch indirekt auf reaktionäre (und völkisch-rassistische) Pfade, die eine progressive, emanzipatorische Politik verunmöglichen. Wer nach dieser in der griechischen Antiglobalisierungsbewegung noch sucht, kann sich auf die Suche nach der Nadel im Heuhaufen begeben.

Anmerkungen

(1) Als die Imion-Krise wird die Eskalation griechisch-türkischer Grenzkonflikte in der griechisch-türkischen Ägäis im Jahr 1996 bezeichnet.

(2) In Griechenland gibt es erst seit dem Einzug der Konservativen ins Parlament 1990 eine israelische Botschaft.

(3) Ein weiterer Grund für das fanatische Ablehnen von Massenmedien war der Umstand, dass es zu jener Zeit ausschließlich staatliche Kanäle und Medien gab, die die Hetze des Staates auf AnarchistInnen unterstützten.

(4) Z.B. die in den achtziger Jahren erschienene Zeitschrift Anarchos, die kommunistische Ansätze mit anarchistischen im Stile Bookchins verband.

(5) Später, als sich die Frauenszene aus gutem Grund bereits vollkommen von der anarchistischen verabschiedet hatte, folgten die Zeitschriften skoupa und Dini.

(6) In den Statistiken des Eurobarometers zeigen sich die GriechInnen besonders frankreich- und deutschlandfreundlich (vgl. Eurobarometer vom 28. Februar bis 23. März 2007).

(7) Auch heute noch benutzen die GriechInnen den Rahmen der europäisch-türkischen Verhandlungen, um ihre eigenen Probleme mit der Türkei zu europäischen zu machen.

(8) Die Schmähschrift des PAME, der größten griechischen Gewerkschaft, die gemeinsam mit der KKE die Demonstration veranstaltete, verteidigt die Schändigung des Mahnmals und beschimpft die jüdische Gemeinde mit allen antisemitischen Stereotypen, die der griechische Antisemitismus so hergibt. Und selbst die konservative Zeitung Kathemerini bezeichnete das Protestschreiben der jüdischen Gemeinde als »Reaktionen der Israelis«.

(9) Vgl. unter: http://www.cafe-morgenland.de Texte »wenn die Masken fallen« und »… provoziert das griechische Volk nicht!« von Terminal 119 und Café Morgenland gegen die Mahnmalschändung und die darauffolgende Schmähschrift.

== TERMINAL 119==

Terminal 119 ist eine antikapitalistische Gruppe aus Thessaloniki.

[Nummer:23/2007]

 

 

http://phase2.nadir.org/index2.htm

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